Patientenbriefe: Bald Teil der Regelversorgung?

was_hab_ich_MG_2757_davidpinzer_1607.pngEin Gastbeitrag von Beatrice Brülke

Was hab’ ich? gemeinnützige GmbH

"Was hab' ich?" ist eine gemeinnützige Initiative von jungen Medizinstudierenden und Ärzt:innen. Wir arbeiten unabhängig, nicht gewinnorientiert und wollen Ärzt:innen und Patient:innen auf Augenhöhe bringen.

 

 

Liebe Doctolib-Community,

 

vor Kurzem hat der Gemeinsame Bundesausschuss beschlossen, dass Patientenbriefe in die Regelversorgung überführt werden sollen. (1) Das könnte bedeuten, dass bald sehr viele Patient:innen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus einen leicht verständlichen Patientenbrief erhalten. Doch was steckt dahinter, was bringt das? Und gibt es bald auch Patientenbriefe für Arztpraxen?

 

Was ist der Patientenbrief?


Patientenbriefe sind eigens für Patient:innen verfasste Entlassdokumente, die zusätzlich zum regulären Arztbrief ausgegeben werden. Sie erläutern nach einem Krankenhausaufenthalt in verständlicher Sprache die individuellen Diagnosen, Untersuchungen und Behandlungen. Das Besondere daran: Das medizinische Personal muss keine zusätzliche Zeit aufwenden – denn die Briefe werden mittels einer speziellen Software komplett automatisiert erstellt.
Die Patientenbrief-Software greift dafür auf zehntausende Textbausteine zurück und stellt diese zu einem individuellen Patientenbrief zusammen. Als Basis dienen die sogenannten strukturierten Daten wie ICD- und OPS-Codes, die bereits in der Klinik vorliegen. Entwickelt wurde die Software vom Sozialunternehmen „Was hab‘ ich?“, das bereits seit 2011 Lösungen für patientengerechte Gesundheitskommunikation erdenkt und umsetzt. Dass die Patientenbrief-Software funktioniert und tatsächlich keinen Aufwand für Ärzt:innen bedeutet, zeigt das Beispiel Herzzentrum Dresden. Seit fast drei Jahren wird sie hier produktiv eingesetzt.

 

Wer profitiert vom Patientenbrief?

 

Patient:innen, klinisches Personal, die Kliniken selbst und auch die Einweiser:innen – für alle hat der Einsatz des Patientenbriefs Vorteile.
Um das zu belegen, wurde die Wirkung der Patientenbriefe in einer umfangreichen Studie untersucht und in Zusammenarbeit mit dem Bereich Allgemeinmedizin der Technischen Universität Dresden evaluiert. Zielgruppe der Intervention waren nahezu alle im Studienzeitraum von Juni 2019 bis Juni 2020 im Herzzentrum Dresden stationär behandelten Patient:innen. Das Projekt wurde durch den Innovationsfonds gefördert. Und – wie bereits eingangs erwähnt: Nach Studienabschluss und Prüfung der Evaluation wurden die Patientenbriefe durch den Gemeinsamen Bundesausschuss für die Überführung in die Regelversorgung empfohlen.
Das sind die Ergebnisse:

 

  • 93 % der Patient:innen haben ihren Patientenbrief ausführlich gelesen und 73 % haben ihn mindestens einer weiteren Person gezeigt. Dazu gehörten Angehörige, aber auch die weiterbehandelnden Ärzt:innen!
  • Die Patient:innen fanden den Patientenbrief verständlich (95 %), informativ (93 %) und hilfreich (93 %).
  • Und das Wichtigste: Der Patientenbrief hat eine signifikant positive Wirkung auf die Gesundheitskompetenz der Patient:innen! Er erhöht die Chance auf ein höheres Gesundheitskompetenz-Level um 67 %.

 

Die Pilotklinik ist ebenfalls vom Patientenbrief überzeugt:


„Wir können das Projekt in ganz Deutschland allen anderen Kliniken empfehlen.“
Jörg Scharfenberg, Geschäftsführer Herzzentrum Dresden

 

Auch das Ärzteteam beobachtete positive Veränderungen im Klinikalltag:

„[Der Patientenbrief] informiert die Patienten nicht nur laienverständlich über ihre Erkrankung, sondern gibt ihnen auch die Möglichkeit, sich bewusster zu verhalten, auf ihre Gesundheit zu achten und ihren Lebensstil anzupassen“, sagt Prof. Dr. med. Axel Linke, ärztlicher Direktor des Herzzentrums. „Wir freuen uns sehr, dass die Patientenbriefe so gut angenommen werden und unsere Patienten so davon profitieren. Das macht sich vor allem im Rahmen von Kontrolluntersuchungen und Verlaufskontrollen bemerkbar.“

 

Direkt im Anschluss an das Forschungsprojekt hat sich das Herzzentrum Dresden entschieden, seinen Patient:innen weiterhin Patientenbriefe anzubieten. Seit Mai 2021 profitieren auch Patient:innen von über 30 Helios-Kliniken von Patientenbriefen: Im Helios Patientenportal werden ihnen die individuell auf sie zugeschnittenen und leicht verständlichen Informationen zu Verfügung gestellt.

 

Auch aus Marketing-Sicht bringt der Patientenbrief Vorteile, in der Studie gaben 98 % der Befragten an, sie würden das Krankenhaus Familie oder Freund:innen weiterempfehlen. In einer vorherigen durch das Bundesministerium für Gesundheit geförderten Studie zu Patientenbriefen steigerte sich die Weiterempfehlungsrate der Klinik nach Erhalt des Patientenbriefs signifikant.

 

Fazit: Patientenbriefe bieten eine effektive, einfach integrierbare Lösung für das Entlassmanagement. Sie können ohne Aufwand für das Klinikpersonal komplett automatisiert erstellt werden. Sie sind ein wirksames und realisierbares Mittel zur Steigerung der Gesundheitskompetenz.

 

Kommt bald der ambulante Patientenbrief?

 

Der Patientenbrief bietet an der Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Versorgung eine optimale Unterstützung und kann ganz konkret auch die Weiterbehandlung erleichtern, da die Patient:innen besser informiert sind.

 

Doch auch im Praxis-Alltag können Patientenbriefe zu einer gelingenden Behandlung beitragen. Erste Pilot-Projekte zu einem ambulanten Patientenbrief laufen schon. Ziel ist es, dass die Ärzt:innen mit wenigen Klicks und innerhalb von maximal 30 Sekunden ein individuelles Dokument für ihre Patient:innen erstellen können. Diese Patientenbriefe werden dann direkt ausgedruckt oder digital übermittelt – im ambulanten Bereich können sie vor allem als Entscheidungshilfe bei verschiedenen Therapie-Optionen hilfreich sein.

 

Aber: Ist das wirklich nötig?

 

Ja, der Einsatz von Patientenbriefen nutzt vielen. Warum das aber nicht nur „nice to have“, sondern wirklich wichtig ist, lesen Sie in meinem nächsten Blog-Beitrag.


Und bis dahin freue ich mich auf Ihre Fragen und Gedanken zum Patientenbrief!

 

 

Weitere Infos:

 


Quelle: 
(1) Bibliomed Manager (zuletzt abgerufen am 10.03.2022 unter https://www.bibliomedmanager.de/news/innovationsausschuss-empfiehlt-zwei-digitalprojekte-fuer-die-regelversorgung)

Bildnachweis
Header und Bild Beatrice Brülke: David Pinzer Fotografie

Gibt es vielleicht auch negative Seiten des Patientenbriefs?

Die Inhalte müssen ja trotzdem vom Arzt kontrolliert werden. Das kostet Zeit.